Zurück zur Normalität? Bitte nicht!

Derzeit wird viel von der »neuen Normalität« gesprochen. Gemeint ist damit meist ein „wieder zurück zu dem Leben, das wir vor den Covid-19-Auswirkungen, gelebt haben“. So verständlich dieses Verlangen nach einem »normalen« Leben wieder ist, so verstörend ist dieser Gedanke auch. Was bedeutet »normal« über dieses Verlangen hinaus? Nähern wir uns einmal dem Begriff »Normalität« von der sprachlichen Bedeutung des Ausdrucks.

In der Metrologie ist ein »Normal« ein Vergleichsgegenstand, ein Vergleichsmaterial oder präzises Messgerät, der bzw. das zur Kalibrierung anderer Messgeräte dient.

In der Soziologie bezeichnet »Normalität« das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt.

Und in der Psychologie bezeichnet »Normalität« ein erwünschtes, akzeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, behandlungsbedürftigem, gestörtem, abweichendem Verhalten.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet: Ist es normal, dass wir regelmäßig auf dem Weg in die Arbeit/in den Urlaub stundenlang im Stau stehen? Ist es normal, dass wir allein in Österreich rund 157.000 Tonnen Lebensmittel einfach wegwerfen? Ist es normal, sich über die Erosion der Rechtsstaatlichkeit zu echauffieren und sich gleichzeitig über simpelste Regeln des Zusammenlebens hinwegzusetzen? Ist es normal, dass wir Korridore für die Ein- und Ausreise von Pflegekräfte und Erntehelfer*innen einrichten, dass wir zwar gerne die persönlichen Vorteile daraus genießen, aber sonst bei prekären Arbeitsverhältnissen nur »Schade« seufzen? Ist es normal, dass wir den modernen Gladiatoren der Unternehmen oder des Sports Unsummen bezahlen und diejenigen, die jetzt als heroenhafte »Systemerhalter« bezeichnet werden, mit nicht recht viel mehr als einem ‚Danke‘ abgespeist werden? Ist es normal, dass wir unsere »Sorgen« ungeniert öffentlich mit anderen teilen – etwa mit einer Frage im Wirtschaftsteil der gestrigen Zeitung: „Ich verfolge den Wettlauf um einen Corona-Impfstoff und überlege, Pharmaaktien zu kaufen, weiß aber nicht welche.“
Ist das normal?
Es mag sein, dass wir das früher so gemacht haben – aber ist es deswegen normal? Wollen wir so ein Verhalten wirklich zur „Kalibrierung anderer Messgeräte“, zur Gestaltung unserer Zukunft heranziehen?

Karl Valentin’s gerade jetzt so trefflich geltendes Zitat „Die Zukunft war früher auch besser.“ lädt ein, unsere Zukunft anders zu denken. Wie noch nie irgendetwas anderes zuvor, hat Covid-19 unsere derzeit so rückwärtsgewandten Gedanken als Illusion enttarnt, als Nostalgie einer Vorstellung von einer Welt, in der es nicht besser war. Bequemer vielleicht, aber nicht besser. Gemessen an den Möglichkeiten, die wir haben, leben wir heute in der besten aller Welten. Vorausgesetzt wir sehen unseren Anteil und übernehmen auch Verantwortung dafür. Wer sonst, außer uns, könnte das tun?
Die Zukunft können wir bestimmen. Hören wir auf, alles, was uns derzeit nicht passt, der »Krise« zuzuschreiben (auch wenn uns die mediale Berichterstattung immer wieder mit flapsigen Formulierungen auf’s Glatteis (ver)führt: Der Nebel/das Mobiltelefon/der Alkohol/… war noch nie schuld am Unfall, es war immer eine Person, die das Auto gelenkt hat …).
Übernehmen wir Verantwortung. Wer noch immer von Krise spricht, der verharmlost. Eine Krisensituation währt immer nur kurz, sie ist der Höhepunkt oder auch Wendepunkt einer Entwicklung in einem „System, der eine massive und problematische Funktionsstörung über einen gewissen Zeitraum vorausging und die eher kürzer als länger andauert“. Wir haben diesen Wendepunkt schon überschritten, und können, das was vor uns liegt, schon erkennen – auch wenn längst nicht alles klar und deutlich umrissen ist. Der Umgang mit den Auswirkungen der nun geltenden Rahmenbedingungen – das ist die Konfrontation, der wir uns stellen müssen. Die Akzeptanz dessen, was gerade ist, wäre eine erwachsene Haltung – inklusive der Einstellung, dass nicht alle Rahmenbedingungen, die derzeit gelten, auch wirksam, intelligent oder zukunftsorientiert sind. Lernträchtig sind sie allemal.

So bietet sich beispielsweise an, die bereits jetzt gesteigerte Achtsamkeit im Umgang miteinander noch weiter auszubauen, Mut zu zeigen, sich in Situationen zu begeben, wo nicht klar ist, was dabei rauskommen wird, oder die Leistungen vieler Mitmenschen, die den humanitären Gedanken in wirksames Tun umgesetzt haben, als nachhaltige gesellschaftliche Kulturtechniken zu etablieren, u.a.m..

Um noch einmal Karl Valentin zu zitieren: Sein „Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“ gilt nicht.

Also noch einmal: Wollen Sie wirklich »zurück zur Normalität«?

Share on facebook
Share on google
Share on twitter
Share on linkedin

More Than Checks | Breit & Schön OG
Hirschgasse 5, 4020 Linz, Austria

Dr. Konrad Breit
+43 664 2430560
konrad.breit@morethanchecks.com

DI Alexander Schön
+43 676 4554254
alexander.schoen@morethanchecks.com